Sie haben sich entschieden: Ich brauche einen Steuerberater. Jetzt kommt das Problem, das kein Gründer-Leitfaden erwähnt: Kaum ein Steuerberater will mit Ihnen arbeiten. Das ist nicht persönlich. Das ist Geschäft. Aus über 1500 Gründungen: Die ehrliche Wahrheit – und was Sie wirklich tun können.

Sie haben sich entschieden: Ich brauche einen Steuerberater.
Das ist vernünftig. Die Buchhaltung wird kompliziert. Die Fragen mehreren sich. Sie wollen auf der sicheren Seite sein.
Jetzt kommt das Problem, das in keinem Gründer-Leitfaden erwähnt wird: Kaum ein Steuerberater will mit Ihnen arbeiten.
Das ist nicht persönlich. Das ist Geschäft. Und wenn Sie die Logik dahinter verstehen, können Sie damit umgehen.
Aus seit 2009 über 1500 begleiteten Gründungen weiß ich: Die Frage „Brauche ich einen Steuerberater“ ist leicht zu beantworten. Die Frage „Wie finde ich einen, der mit mir arbeitet“ ist deutlich schwerer.
Die ehrliche Antwort: Gründer* sind für Steuerberater ein hohes Risiko bei niedrigem Gewinn.
*Mit Gründer meine ich Gründerinnen und Gründer.
Grund 1: Gründer sind zeitintensiv
Ein etabliertes Unternehmen mit 500.000 Euro Umsatz ist zuverlässig. Derselbe Gründer mit 60.000 Euro Umsatz hat täglich neue Fragen. Ist das Angebot steuerpflichtig? Kann ich das absetzen? Muss ich die Umsatzsteuer monatlich zahlen? Was passiert mit meiner Krankenversicherung?
Ein erfahrener Steuerberater kalkuliert: Bei diesem Gründer mit 60.000 Euro Umsatz habe ich 30% mehr Arbeit – aber verdiene nur 30% weniger Gebühren. Mathematisch ungünstig.
Grund 2: Der Gewinn ist zu niedrig
Aus meiner Beratung: Die meisten Gründer machen die ersten 12 Monate einen Umsatz von 50.000-80.000 Euro. Nach Betriebskosten und Steuern bleiben oft 25.000-35.000 Euro Gewinn.
Ein Steuerberater berechnet oft 200-400 Euro monatlich (oder 2.400-4.800 Euro pro Jahr) für Buchhaltung + Steuererklärung. Das ist nicht wenig – aber der Gründer empfindet es als großer Brocken vom kleinen Gewinn.
Für den Steuerberater ist es ein niedriges Honorar für hohe Arbeit. Schnell wird er wieder kündigen.
Grund 3: Hohe Ausfallquote
Steuerberater wissen: 30-40% der Gründer existieren nach 2-3 Jahren nicht mehr. Das Mandat endet. Das Investment in die Betreuung wird nicht amortisiert.
Ein etabliertes Unternehmen: 15 Jahre Mandatsbeziehung wahrscheinlich. Ein Gründer: 2-3 Jahre wahrscheinlich.
Rechnen Sie das durch: Der Steuerberater muss die Zeit, die er in einen Gründer investiert, über 2-3 Jahre verdienen. Das wird eng.
Grund 4: Viele Steuerberater sind überbucht
Große Kanzleien in deutschen Großstädten sind chronisch unterbesetzt. Sie können sich aussuchen, wen sie nehmen. Ein Gründer mit unsicherer Zukunft und niedrigem Umsatz: kein attraktives Mandat.
Grund 5: Gründer wechseln oft
Manche Gründer merken schnell: Der Steuerberater hat keine Zeit. Sie probieren einen anderen aus. Der nächste ist zu teuer. Der dritte beantwortet E-Mails nicht.
Für den Steuerberater ist das auch Frustrationen: Er baut eine Beziehung auf, dann ist der Gründer weg.
Szenario 1: Die große Kanzlei
„Sehr geehrter Herr Schmidt, vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir betreuen Unternehmen ab einem Umsatz von 250.000 Euro aufwärts. Schaffen Sie gerne Kontakt mit uns auf, wenn Sie diesen Umsatz erreicht haben. Alles Gute für Ihren Start!“
Übersetzung: Für Sie lohnt sich der Aufwand nicht.
Szenario 2: Die kleine Kanzlei
„Lieber Gründer, ich bin mittlerweile vollständig ausgelastet. Neue Mandate kann ich leider nicht annehmen. Wenn Sie jemanden kennen, der verfügbar ist, kann ich eine Empfehlung aussprechen.“
Übersetzung: Ich würde gerne, aber ich habe keine Kapazität für jemanden mit niedrigem Honorar und hohem Aufwand.
Szenario 3: Der spezialisierte Gründungs-Steuerberater
„Ja, ich betreue Gründer. Das kostet aber 500 Euro monatlich, weil der Aufwand bei Gründern deutlich höher ist. Ist das für Sie okay?“
Übersetzung: Ich nehme Sie – aber Sie zahlen den Preis für meine Geduld mit Ihrer Unsicherheit
Wenn ich ehrlich bin, kommt das vor: Gründer, die keinen Steuerberater finden, weil die Kapazitäten einfach nicht da sind und das Risiko zu hoch ist.
Das ist nicht ideal. Aber es ist die Realität.
Die Lösungen sehen dann so aus:
Option 1: Allein durchmachen die erste Zeit
Das ist machbar. Es ist arbeitsintensiv, aber es funktioniert.
Option 2: Mit einer Gründungsberatung arbeiten
Viele zertifizierte Gründungsberater (wie ich) haben Netzwerke zu Steuerberatern, die gründungs-erfahren sind. Sie können eine Vermittlung ggf. möglich machen.
Das erhöht Ihre Chancen möglicherweise (kein Garant).
Übrigens: Eine Gründungsberatung kann von der Agentur für Arbeit mit einem AVGS gefördert werden: AVGS-Gründercoaching.
Option 3: Mit einem sehr jungen Steuerberater arbeiten
Junges Alter bedeutet: Der Steuerberater braucht noch Mandanten. Er ist motivierter, Zeit für Gründer zu investieren.
Klingt vielleicht nicht nach großer Erfahrung – aber oft ist das Gegenteil wahr: Junge Steuerberater sind oft auf dem neuesten Stand, arbeiten digital, verstehen Gründer besser.
Option 4: Mit einem Solo-Steuerberater am Ort arbeiten
Einzelperson statt große Kanzlei. Kann bedeuten: flexibler, persönlicher, offener für Gründer.
Auch hier: Der Aufwand bleibt, aber Sie haben weniger Abhängigkeit von Unterbesetzung.
Das funktioniert nicht:
Das funktioniert:
Steuerberaterkammer anrufen
Sagen Sie: „Ich bin Gründer, ich brauche einen Steuerberater, der gründungs-erfahren ist und noch Kapazitäten hat.“
Diese hat Listen. Die kennen Empfehlungen.
Gründer-Netzwerk fragen
Andere Gründer. Gründer-Meetups. Startup-Communities. Die wissen, wer funktioniert und wer nicht. Empfehlung erfragen.
Gründungsberater konsultieren
Gründungsberater haben oft Erfahrung mit dieser Problematik und können Ihnen sagen, welche Steuerberater in Ihrer Region gründungs-erfahren sind. Aber: Auch wir können nicht vermitteln – die Kapazitäten sind einfach zu knapp.Lokal denken
Der Steuerberater um die Ecke, der 20 Jahre am Ort ist: oft die beste Wahl. Persönlich erreichbar. Kennt die lokale Wirtschaft.
Ein Steuerberater wird für Sie interessant, wenn eins davon zutrifft:
Vorher: Ein Steuerberater ist ein Luxus, nicht eine Notwendigkeit. Oftmals klappt auch die Mischung: Buchhaltung eigenständig Jahresabschluss durch den Steuerberater.
Die Kosten für den Steuerberater sind eine feste Kalkulation im Businessplan.
Wenn Sie die erste Zeit ohne Steuerberater durchmachen – und viele müssen das – brauchen Sie:
Das ist nicht ideal. Aber es funktioniert – und viele Gründer machen das erfolgreich die erste Zeit.
Nach 12-18 Monaten, wenn der Umsatz stabiler ist und die Fragen komplexer werden, finden Sie eher einen Steuerberater.
Viele Gründer-Artikel beschönigen das: „Ja, nehmen Sie einen Steuerberater – ist ganz einfach, da gibt es viele!“
Die Wahrheit ist: Es ist nicht einfach. Die Kapazitäten sind eng. Viele Steuerberater wollen nicht. Und das ist aus ihrer Perspektive rational.
Das zu verstehen ändert, wie Sie planen:
Das ist realistisch. Das ist hilfreich.
Das ist die Realität, die auch ich bei meiner Arbeit täglich sehe.
Über die Autorin
Dagmar Schulz ist Inhaberin der 1a-STARTUP Unternehmensberatung in Düsseldorf und begleitet seit 2009 Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Gemeinsam mit ihrem kleinen, eingespielten Team mit familiärem Charakter steht sie für persönliche Beratung statt Hotline und wechselnde Ansprechpartner – auf hohem fachlichen Niveau.
Mit über 1.500 begleiteten Gründungen, AZAV-Zertifizierung und Zulassung für BAFA und das Beratungsprogramm Wirtschaft NRW gehört sie zu den erfahrensten Gründungsberaterinnen im deutschsprachigen Raum. Sie ist Autorin der Bücher „Existenzgründung 45plus“ und „Wenn der Job nicht mehr zu dir passt“ sowie Mitglied der IHK-Vollversammlung Düsseldorf seit 2021. Bekannt aus „Hart aber fair“ (ARD) als Expertin für Selbstständigkeit im Gespräch mit Hubertus Heil zu Beginn der Corona-Pandemie.

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