90% der Gründer kalkulieren anfangs zu niedrig. Aus Angst, Unsicherheit, Unwissenheit. Nach 18 Monaten arbeiten sie 60 Stunden pro Woche und verdienen weniger als ein angestellter Projektmanager. Das muss nicht sein. Diese Anleitung zeigt: Wie Sie Ihren Preis realistisch kalkulieren – mit konkreter Formel, Fehleranalyse und psychologischen Tricks.

Sie haben gegründet – als Dienstleister, Freelancer oder Berater. Sie haben Ihre Leistung erbracht. Ihr Kunde zahlt. Sie überlegen: Moment – das fühlt sich zu leicht verdient an.
Das ist das erste Symptom: Ihre Preise sind zu niedrig.
Dieser Leitfaden zur Preiskalkulation ist für Gründer mit Stundensatz-, Tages- oder Festpreis-Modell (Dienstleister, Freelancer, Berater, Coaches). Für Handel, Handwerk oder Produktherstellung braucht es eine andere Kalkulationslogik – dazu kommt bald ein eigener Artikel.
Das ist die zweithäufigste Entscheidung, die Gründer bereuen. Die erste ist, überhaupt gegründet zu haben. Die zweite ist: Zu billig angefangen.
Aus meinen 1500+ Beratungen kann ich Ihnen sagen: 90% der Gründer kalkulieren anfangs zu niedrig. Sie tun es aus Unsicherheit. Aus Angst, keine Kunden zu kriegen. Aus falscher Bescheidenheit. Aus Unwissenheit.
Und dann sitzen Sie 18 Monate später da, arbeiten 60 Stunden die Woche, und verdienen weniger als ein angestellter Projektmanager.
Das muss nicht sein.
Dieser Leitfaden zeigt Ihnen: Wie Sie Ihren Preis realistisch kalkulieren. Warum Sie damit rechnen müssen, nicht ständig abrechenbar zu arbeiten. Wie Sie psychologische Preissperren überwinden. Und warum Ihre erste Preiserhöhung nach 6 Monaten nicht optional ist – sondern essentiell.
Das ist das größte Geheimnis in der Preiskalkulation: Nicht jede Arbeitsstunde ist eine bezahlte Arbeitsstunde.
Das sieht so aus:
Sie arbeiten 40 Stunden pro Woche. Das klingt nach 40 × 50 Wochen = 2.000 Stunden pro Jahr, die Sie abrechnen können.
Falsch.
Lesen Sie diese Liste:
Das ergibt: 40 Stunden pro Woche – (8+3+2) = 27 Stunden pro Woche abrechenbar 27 Stunden × 50 Wochen = 1.350 Stunden pro Jahr Minus Urlaub, Krankheit, Feiertage = ~1.200 Stunden pro Jahr abrechenbar
Das ist ein Unterschied von 40%. Sie planen mit 2.000 Stunden, aber nur 1.200 sind wirklich abrechenbar.
Das ist der erste Fehler: Die meisten Gründer rechnen mit 2.000 Stunden.
Realistische Betriebskosten 2026: das ist, was Dienstleister wirklich ausgeben:
Summe Betriebsausgaben: ~18.400 Euro/Jahr (ohne Büro: ~14.800 Euro)
Ihre Situation:
Betriebskosten als Kleinunternehmer (incl. MwSt):
Steuern als Kleinunternehmer:
Erforderlicher Umsatz:
[36.000 ÷ (1 - 0,118)] + 19.342
= [36.000 ÷ 0,882] + 19.342
= 40.816 + 19.342
= 60.158 Euro
Ihr Stundensatz:
Realistische Faustregel: Zielgehalt × 1,67
Ihre Situation:
Betriebskosten als normales Unternehmen (Netto, ohne MwSt):
Steuern als normales Unternehmen:
Erforderlicher Umsatz:
[36.000 ÷ (1 - 0,166)] + 18.400
= [36.000 ÷ 0,834] + 18.400
= 43.165 + 18.400
= 61.565 Euro
Ihr Stundensatz:
Realistische Faustregel: Zielgehalt × 1,71
Ihre Situation:
Steuern mit Familie (großer Unterschied!):
Erforderlicher Umsatz:
[36.000 ÷ (1 - 0,102)] + 18.400
= [36.000 ÷ 0,898] + 18.400
= 40.089 + 18.400
= 58.489 Euro
Ihr Stundensatz:
Realistische Faustregel: Zielgehalt × 1,63
Ihre Situation:
Steuern bei höherem Einkommen:
Erforderlicher Umsatz:
[50.000 ÷ (1 - 0,241)] + 18.400
= [50.000 ÷ 0,759] + 18.400
= 65.876 + 18.400
= 84.276 Euro
Ihr Stundensatz:
Realistische Faustregel: Zielgehalt × 1,69
| Kleinunternehmer Single | Normal Single | Verheiratet 2 Kids | 50.000€ Single | |
| Erforderlicher Umsatz | 60.158€ | 61.565€ | 58.489€ | 84.276€ |
| Stundensatz (60%) | 83€ | 85€ | 81€ | 117€ |
| Stundensatz (70%) | 72€ | 73€ | 70€ | 100€ |
| Steuersatz | 11,8% | 16,6% | 10,2% | 24,1% |
Wichtige Erkenntnisse:
Die Preiskalkulation ist ein wichtiger Baustein im Businessplan und basiert auf dem Gesamtbild Kunden, Zielgruppe und USP.
Die Erarbeitung eines Businessplanes ist ein Prozess. Mit einem AVGS-Gutschein der Agentur für Arbeit können wir Sie dabei sogar mit Förderung der Beratungskosten unterstützen: AVGS-Gründercoaching.
Nach den ersten 10 Projekten sollten Sie von Stundensätzen zu Festpreisen übergehen.
Beispiel aus Szenario 1:
Ein Projekt dauert normalerweise 15 Stunden.
15 Stunden × 83 Euro = 1.245 Euro Festpreis
Wenn Sie es wegen Routine in 12 Stunden schaffen: 1.245 Euro für 12 Stunden = 103,75 Euro/Stunde.
Das ist die Magie der Skalierung. Je routinierter Sie werden, desto rentabler wird Ihre Arbeit.
Zur Unterstützung der Lebenshaltungskosten in den ersten 6 bzw. 15 Monaten der Gründung können Sie den Gründungszuschuss der Agentur für Arbeit beantragen.
Kleinunternehmer wählen, wenn:
Normal besteuert wählen, wenn:
WICHTIG: Der freiwillige Verzicht auf Kleinunternehmer ist mindestens 5 Jahre bindend! Entscheidung sorgfältig treffen.
Wichtiger Hinweis:
Die Steuersätze oben sind nur Einkommen- und Gewerbesteuer. Aber als Selbstständiger zahlen Sie zusätzlich:
Die Gesamtbelastung liegt daher bei ca. 50-60% Ihres Gewinns – nicht nur bei den angegebenen 11-17% Steuersätzen.
Beispiel Szenario 1 (Alleinstehend, Kleinunternehmer, 36.000 Euro Gewinn):
Gewinn: 36.000 Euro
- Steuern (11,8%): 4.257 Euro
- Krankenversicherung: 7.200 Euro
- Rentenversicherung (opt.): 7.000 Euro
= Netto zum Leben: 17.543 Euro
Das sind etwa 49% Gesamtbelastung. Mit freiwilliger Rentenversicherung kommen Sie auf 60%.
Das ist der Grund, warum Ihre Preiskalkulation so wichtig ist: Der Preis muss nicht nur Steuern decken, sondern auch alle Ihre Versicherungen.
Das ist der häufigste finanzielle Fehler: Gründer kalkulieren ihre Preise, vergessen aber, dass sie Steuern zahlen müssen.
Dann kommt die Steuererklärung – und plötzlich schulden Sie 4.000-8.000 Euro, die Sie nicht haben.
Lösung: Bilden Sie von jedem Monat eine separate Steuerlast-Rücklage.
Faustregel: 15-25% des monatlichen Gewinns zur Seite = Steuerlast-Rücklage
Oder (Milchmädchenrechnung) rd. 40% des erzielten Umsatzes.
Beispiel Szenario 1: Sie verdienen 3.000 Euro Gewinn im Monat.
So stehen Sie nicht vor dem Schock, wenn die Steuererklärung kommt.
Jetzt kommt die unbequeme Wahrheit: Ihr erster Preis wird wahrscheinlich noch zu niedrig sein.
Warum? Weil Sie unterschätzt haben, wie ineffizient Sie anfangs sind. Weil Projekte länger dauern, als Sie dachten. Weil Sie neue Prozesse entwickeln.
Nach 6 Monaten haben Sie die echten Daten:
Dann erhöhen Sie die Preise.
Das ist nicht unfreundlich. Das ist professionell.
Sagen Sie Ihren bestehenden Kunden: „Für neue Projekte habe ich Preis X. Für Ihre laufenden Projekte gilt der alte Preis noch.“ Bestehende Kunden würdigen das. Neue Kunden zahlen den realistischen Preis.
Fehler 1: Konkurrenten-Dumping
„Der andere Gründer macht das für 50 Euro. Ich muss also auch billiger sein.“
Nein. Sie müssen nicht billiger sein. Sie müssen anders sein. Bessere Qualität. Besserer Service. Schnellere Lieferung. Bessere Beratung. Wenn Ihr einziges Verkaufsargument der Preis ist, haben Sie verloren.
Fehler 2: Die Hoffnung auf Volumen
„Ich nehme weniger Gewinn pro Auftrag, aber dann kriege ich viel mehr Aufträge und spare durch Masse.“
Das funktioniert in Einzelhandel und Produktion. Nicht im Dienstleistungsgeschäft. Sie sind Ihre einzige Kapazität. Mehr Aufträge = mehr Arbeit, nicht weniger Kosten.
Fehler 3: Betriebskosten unterschätzt
Sie rechnen: Zielgehalt. Aber Krankenversicherung (600 Euro!), Software, Fahrtkosten?
Die sind auch dabei. Das macht schnell 50% des Umsatzes.
Fehler 4: Zu viel Kapazität planen
„Ich plane mit 40 Stunden pro Woche Kundenarbeit, 5 Stunden Management.“
Realistisch: 25-30 Stunden Kundenarbeit, 10-15 Stunden Management/Akquise/Admin.
Fehler 5: Kein Puffer für Auftragsflauten
Sie kalkulieren mit 100% Auslastung. Das ist unrealistisch. Realistische Auslastung im ersten Jahr: 60-70%.
Das haben wir bereits berücksichtigt.
Fehler 6: Steuern nicht eingeplant
Das ist der häufigste finanzielle Fehler.
Lösung: Rechnen Sie mit den Szenarien oben. Und bilden Sie die Steuerlast-Rücklage.
Nach 12 Monaten haben Sie genug Daten. Dann wird’s interessant.
Jetzt können Sie nicht nur kalkulieren – jetzt können Sie auch strategisch Preis setzen.
Die beste Positionierung ist nicht: „Ich bin am billigsten.“
Die beste Positionierung ist: „Ich bin das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für meine Zielgruppe.“
Und das erreichen Sie durch:
Das führt zu höheren Preisen.
Nicht weil Sie mehr nehmen wollen. Sondern weil Sie mehr Wert liefern.
Nehmen wir an, Sie haben saubere Kalkulation gemacht:
Monat 1-3: Sie sind unsicher. Sie nehmen einen Auftrag für 80 Euro/Stunde.
Monat 4-6: Sie haben Referenzen. Neue Anfragen. Sie erhöhen auf 95 Euro/Stunde.
Monat 7-12: Sie wissen, was Sie können. Sie sind effizienter. Sie erhöhen auf 110-120 Euro/Stunde.
Nach 18 Monaten: Sie sind etabliert. Sie haben Warteliste. Sie nehmen neue Projekte nur ab 130+ Euro.
Das ist nicht Gier. Das ist professionelle Preisgestaltung.
Gründer, die das nicht tun, arbeiten in Jahr 5 noch zum gleichen Preis wie in Jahr 1. Und wundern sich, warum sie pleite sind.
Über die Autorin:
Dagmar Schulz ist Inhaberin der 1a-STARTUP Unternehmensberatung in Düsseldorf und begleitet seit 2009 Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Gemeinsam mit ihrem kleinen, eingespielten Team mit familiärem Charakter steht sie für persönliche Beratung statt Hotline und wechselnde Ansprechpartner – auf hohem fachlichen Niveau.
Mit über 1.500 begleiteten Gründungen, AZAV-Zertifizierung und Zulassung für BAFA und das Beratungsprogramm Wirtschaft NRW gehört sie zu den erfahrensten Gründungsberaterinnen im deutschsprachigen Raum. Sie ist Autorin der Bücher „Existenzgründung 45plus“ und „Wenn der Job nicht mehr zu dir passt“ sowie Mitglied der IHK-Vollversammlung Düsseldorf seit 2021. Bekannt aus „Hart aber fair“ (ARD) als Expertin für Selbstständigkeit im Gespräch mit Hubertus Heil zu Beginn der Corona-Pandemie.

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